[Projekt] Gegen das Vergessen – Das 20. Jahrhundert…

ist geprägt von dem Untergang des Kaiserreiches im Zuge des Ersten Weltkrieg, der Reparationsleistungen und der Weimarer Republik, der anschließenden Machtergreifung der Nationalsozialisten und der damit einhergehenden Zweiten Weltkrieg mit der Verfolgung der Juden und Andersdenkender, aber ebenso der Gründung der Bundesrepublik Deutschland sowie die Wiedervereinigung, sofern man nur Deutschland betrachtet.
Ein bewegtes 20. Jahrhundert und die Schatten der Vergangenheit tauchen wieder auf, nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern. Nationalismus, Protektionismus und Abschottung ist auf dem Vormarsch.
Die Zeitzeugen von damals sind alle über neunzig Jahre alt und werden irgendwann nicht mehr dasein, um uns von damals zu erzählen. Grund genug, dass was damals passiert ist nicht zu vergessen und von uns weitergetragen werden muss an die nachfolgenden Generationen.

Der Fotograf und Filmemacher Luigi Toscano hat dafür das Projekt „Gegen das Vergessen“ ins Leben gerufen und hat Verfolgten des Nationalsozialismus ein Gesicht und eine Stimme gegegen, für viele wird es wie Toscano und sein Team meint, das letzte Mal gewesen sein.  Ein wegweisendes Projekt und auch über Literatur kann man „Gegen das Vergessen“ ankämpfen und die Erinnerung wach halten.
Meine Idee ist nun auf der Projektseite meine Buchbesprechungen zum Thema „Gegen das Vergessen“ vorzustellen und euch damit Literatur an die Hand zu geben.

Hier geht es zur Seite Gegen das Vergessen.

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[Wörterkatze liest…] Norman Davies – Verschwundene Reiche I

Hallo ihr Lieben,

heute gibt es den ersten Beitrag zu „Verschwundene Reiche“ von Norman Davies. Im Rahmen einer Leserunde im Büchertreff haben wir uns für den September die Einleitung und das erste Kapitel „Das Tolosanische Reich“.

Zugegeben ich habe es nicht so mit Einleitungen an sich. Aber diese hier hat mir besonders gefallen. Davies stellt sich erst einmal selbst vor und erzählt, wie er zur Geschichte kam und wie er auf sein Forschungsgebiet Geschichte Europas gekommen ist. Er erzählt auch, dass manche Forscher sich nur auf einen Gebiet hervortun, sich meistens nur für die noch existierenden Staaten interessieren und deren Geschichte immer wieder neu analysieren und in den gegenwärtigen Kontext einordnen wollen, dabei aber alles andere außen vorlassen. Er ist der Ansicht, dass auch die kleineren Staaten mit ihrer Geschichte betrachtet werden müssen und sie auch Europa ausmachen. In „Verschwundene Reiche“ hat er nun viele Staaten aufgenommen, die in ihrer damaligen Form nicht mehr existieren und in die heutigen Staaten aufgegangen sind.
Seiner Ansicht nach werden wir es noch öfters erleben, dass Staaten auseinanderbrechen. Allein das große Britische Empire seiner Geburt existiert nicht mehr.
Selber miterlebt habe ich die Auflösung der Sowjetunion, die Aufspaltung Jugoslawiens und auch die deutsche Wiedervereinigung. Geschichte ist vom Wandel geprägt und ist nichts Statisches, ebenso auch unsere Staatengebilde. Wer kann schon sagen, dass unser heutiges Spanien noch zu existieren wird, wenn Katalonien unabhängig wird oder Großbritannien in ein paar Jahren wirklich noch so existiert nach dem Brexit. Wer sagt uns denn, dass es dann nicht Schottland, Wales, Nordirland und England dann nicht nebeneinander bestehen werden und nicht mehr als ein Königreich. Die Vergangenheit lehrt uns, dass nichts verbindlich ist. Wer hätte denn in den 80er Jahren an den Zusammenbruch der Sowjetunion geglaubt?

Das tolosanische Reich

Zugegeben ich habe bisher nichts von dem Reich gewusst und ich vermute, dass mir dies im Laufe des Jahres noch öfters passieren wird, dass mir Reiche völlig unbekannt sind.
Davies hat jedes Kapitel eines verschwundenen Reichs in drei Teile eingeteilt:

  1. Wie sieht das Reich heute aus?
  2. Geschichte des verschwundenen Reiches was
  3. Was ist vom verschwundenen Reich im Gedächtnis geblieben?

Das ehemalige „Tolosanische Reich“ lag in der heutigen Region Poitu-Charentes und existierte von 418 bis 507 v. Chr. Geprägt war es von familiären Kämpfen und immer wieder mit Kriegen gegen die Nachbarn aus Burgund und Rom.
Alarich I,  ein Westgote, war der Gründervater des tolosanischen Reiches, dass sich im Laufe seiner Existenz bis nach Gibraltar, in die heutige Provence im Norden bis fast an die heutige Bretagne, im Osten grenzte es an Burgund. Entstanden ist es aus dem untergegangenen römischen Reich und wurde damals als ein „unabhängiger kaiserlicher Regionalstaat“ (Davies; Verschwundene Reiche, S. 28).
Bekanntermaßen gab es durch die Völkerwanderung immer wieder Kriege. Davon blieben auch die Westgoten um die Nachfahren von Alarich I nicht verschont. Untereinander gab es auch immer wieder Konflikte, die auch dazuführten, dass sie sich umbrachten, um an die Macht zu kommen.
Der verlorene Krieg mit Chlodwig führte zum Untergang des Reiches. Dieser war durch die Heirat mit den Burgundern verbunden und auch das Friedensangebot des Ostgoten Theoderich  wurde abgelehnt. Der Untergang war vorprogrammiert und die Westgoten wurden aus Gallien vertrieben und waren schließlich nur noch auf der iberischen Halbinsel zu finden.

Der geschichtliche Hintergrund hat mich sehr interessiert, aber ich hatte auch ganz schöne Probleme mit den vielen verschiedenen Namen. Nun kann ich zwar die Westgoten und die Ostgoten unterscheiden, aber ich hatte damit schon meine Schwierigkeiten in der Schule.
Davies gelingt es gerade diese geschichtlichen Hintergründe gut darzustellen. Auch macht er immer wieder Einschübe, die einen zum Schmunzeln bringen. Gerade der Brief des Bischofs mit der Lobhudelei über Theoderich II ist sehr amüsant und weitschweifig.
Ein überaus interessantes erste Kapitel und ich freue mich schon auf die weiteren. Im nächsten Monat geht es nach Alt Clud – meines Wissens ins heutige Schottland – und mal sehen wie Davies mir dies näher bringt.

Eure

Kerstin


Klappentext von der Verlagsseite:

Zusammengebrochen, verloren, für alle Zeiten von der politischen Landkarte Europas radiert. Die Geschichte Europas ist auch eine Geschichte verschwundener Reiche. Das stolze Alt Clud, heute ein heruntergekommener Landstrich in Schottland, das sagenumwobene Burgund oder das preußische Kernland der Prussen, im 12. Jahrhundert eine terra incognita, aber im Verlauf der Geschichte einer der einflussreichsten Staaten Europas: Norman Davies spürte 15 solcher Reiche vor Ort und in bisher vernachlässigten Quellen nach. In diesem politisch wie historisch aufrüttelnden und sprachlich virtuosen Standardwerk erzählt er ihre Geschichte von der Entstehung bis zum Untergang – und wie wenig von ihrer großen Vergangenheit heute in Erinnerung geblieben ist. Denn das kollektive Gedächtnis ist wichtig, um das heutige Europa zu verstehen.

Bibliografische Angaben:

Autor: Davies, Norman Übersetzer: Schuler, Karin; Juraschitz, Norbert; Freundl, Hans ;  Dierlamm, Helmut;  Grasmück, Oliver Titel: Verschwundene Reiche. Die Geschichte des vergessenen Europas Originaltitel: Vanished Kingdom – The History of the half forgotten Europe Reihe:Seiten: 958 ISBN: 9783806231168 Preis: 19,95 € (Hardcover) Erschienen: 01.07.2015 bei Theiss